Die Psychologin

Aufklärungsarbeit: psychische Erkankungen

In den letzten Tagen habe ich immer wieder zu hören bekommen, wie mutig ich doch bin. Ich habe aber nichts Mutiges gemacht, bin in keinen Tigerkäfig gesprungen, nicht aus einem Helikopter und habe mir auch nicht 24 Stunden lang RTL reingezogen.

Nein, ich habe einfach offen über meine Erkrankung gesprochen. Seit nunmehr 15 Jahren habe ich psychosomatische Störungen und seit etwa 10 Jahren ist bekannt, dass ich unter der psychischen Krankheit „Rezidivierende Depression“ leide, auch bekannt unter F33. Und obwohl ich bereits seit mehreren Jahren immer wieder damit zu kämpfen und einige Therapien hinter mir habe, konnte ich erst 2020 offen darüber reden. Vorher sah ich noch keine Notwendigkeit und irgendwie bin ich auch immer drum rum gekommen.

Doch was war 2020 anders? Letztlich hatte ich einfach einen schweren Rückfall nach acht Jahren. Klar gab es in der Zeit immer kleinere Schübe, mit denen ich aber immer selbst gut umgehen konnte. Doch in jenem Jahr konnte ich dann nicht mehr. Der Vorteil daran, wenn man älter wird ist auch, dass man reifer wird. Man braucht sich nicht mehr so zu schämen, wie man es als Jugendlicher vielleicht gemacht hat, man hat mehr Menschenkenntnis und ist mit sich im Reinen.

Ich musste also niemanden mehr etwas beweisen, außer mir selbst vielleicht.

Jedenfalls tat ich das Beste, was mir zum Gesundwerden geholfen hat: ich habe offen über meine Krankheit gesprochen. Familie, Freunde, Arbeit und Instagram wussten von nun an Bescheid. Natürlich hab ich mich damit nicht unbedingt leicht getan und es hat einen Moment gebraucht, bis ich mich entschieden habe bei Instagram eine Story darüber zu machen. Es war aber weniger eine Angst vor der Reaktion, vielmehr die Ungewissheit, wie es weiter gehen könnte.

Doch schon nach den ersten Takes lief es nur so. Der erste Schritt war gemacht und der Rest kam nur so aus mir raus. Ich hatte im selben Moment auch keine Hemmnisse mehr alle Fragen zu beantworten und das positive Feedback gab mir recht. Was mich jedoch am meisten überraschte, waren die zahlreichen privaten Nachrichten von Leuten, die in einer ähnlichen Situation sind. Die meisten von ihnen haben sich bisher noch nicht so geoutet wie ich und empfanden mich als inspirierend, bewunderten meinen Mut.

Nur ein paar Monate weiter, vor etwa einer Woche stellte ich mich abermals vor einer Gruppe von Menschen um eine schwere Entscheidung mitzuteilen. Um diese zu begründen erzählte ich von meiner Krankheit. Es war sehr emotional. Und obwohl es sich hierbei um eine deutlich ältere Gemeinschaft handelte, zeigten sich die meisten verständnisvoll. Auch hier bekam ich zahlreiche Nachrichten mit Glückwünschen zu meinem Mut und eigenen Erzählungen, ähnlicher Erkrankungen.

Und da war mir klar, dass es kein Mut ist, offen über seine Krankheit zu sprechen. Es ist vielmehr eine bewusste Entscheidung über sein Ego zu springen und damit öffentlich zu werden. Denn öffentlich werden bedeutet auch Aufklärung. Und das ist es was psychische Krankheiten unbedingt noch bedürfen. Es wird immer noch zu wenig darüber gesprochen und deswegen wird geurteilt. Deswegen wird es als mutig hingestellt, wenn jeman wie ich öffentlich dazu steht.

Ich fühle mich nicht als Held, nur weil ich krank bin und das vermutlich mein Leben lang.

Ich fühle mich einfach verantwortlich für meine Krankheit und die Menschen da draußen, die das gleiche durchmachen müssen. Aber auch für jene, die fernab von solchen Störungen sind. Denn sie sind es die sensibilisiert werden müssen. Die Zeiten vom Wegsperren in eine Irrenanstalt ist vorbei, handelt es sich hierbei nicht massiv um Selbstzerstörung oder Gefährdung anderer. Ich bin ein normaler Mensch, denke und handle normal, bin zurechnungsfähig. Nur bin ich eben manchmal trauriger als andere, empfindlicher, vielleicht auch aufbrausender und ängstlicher. Aber ich kenne mich sicherlich auch besser als manch ein gesunder Mensch.

Über seine Krankheit zu sprechen ist einfach, wenn der erste Schritt getan ist: zu sich zu stehen und Akzeptanz für die Krankheit zu entwickeln. Dann ist es auch nicht mehr schwierig mit anderen darüber ins Gespräch zu gehen. Und für einen selbst lebt es sich auch einfacher ohne dieses Versteckspiel.


Was bedeutet für dich Mut? Hast du schon über deine psychische Erkrankung gesprochen? Wie hast du dich dabei gefühlt? Schreibe mir hier in die Kommentare oder eine Email an sarah@herbstmeedchen.de

Dein Herbstmeedchen

 

Ein Kommentar

  • Janine

    Liebe Sarah,

    oftmals ist Mut genau das. Bereit dafür zu sein zu sich selbst und zu seinen Schwächen zu stehen.

    Ein ganz starker und ehrlicher Beitrag, ich danke dir dafür!

    Deine Janine

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