Körperwahrnehmung

Ich bin kein Maßstab!

Heute geht es mal allein um mich. Und um euch. Na gut, um uns. Dieser Beitrag spukt mir schon sehr lange im Kopf rum und oft habe ich mich gefragt, ob ich ihn schreiben soll, denn er könnte ein anderes Licht auf mich werfen. Aber tut das nicht schon eh jeder Beitrag von mir? Also schreibe ich ihn.

Es geht dabei tatsächlich in erster Linie um mich, und zwar um meine Erscheinung nach außen, also was ich ausstrahle und wie es bei anderen ankommt.
Wie schon einmal in einem meiner vorangegangenen Posts erzählt, gibt es immer wieder Menschen die mich beneiden, ja nahezu anhimmeln dafür, dass ich so schlank bin.

So und nun mal Klartext, wie es vermutlich kaum einer tut:

Ich bin 1,74 Meter groß und wiege aktuell 52,3 kg (Stand 11.11.18).

NUR! Und ich bin schon froh darüber, denn noch vor wenigen Wochen habe ich gerade mal 49 kg gewogen.

Ich muss mal ein wenig ausholen und erklären, damit ihr versteht worauf ich hinaus will.

Ich war mein ganzes Leben nicht nur schlank sondern dünn. Unsere Waage nannte es „untergewichtig“. Bis ich dann irgendwann Mal die 50kg Marke erreicht habe, war ich fast volljährig. Dann kamen tiefe Trauer, Depressionen, eine schwierige Zeit, ungesundes Essen und ein hormonelles Verhütungsmittel in mein Leben. Ich nahm 8 kg zu und wog plötzlich 60kg. Das erste Mal in meinem Leben sagte mir meine Waage, mein BMI sei super und ich wäre normal-gewichtig. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich FETT.

Jetzt gibt es bestimmt einige Leser, die spätestens hier abspringen und nie wieder meinem Blog besuchen, aber vertraut mir, lest weiter.

Ich fühlte mich jedenfalls nicht sehr wohl in der Haut und wenn ich rückblickend alte Fotos aus der Zeit betrachte oder sie anderen zeige, wird überall das Gleiche wahrgenommen: Sarah war dick. Aber eben auch nur, weil es nicht MEIN Normalzustand war, der sich nun mal im niedrigeren Kilobereich ansiedelt.
Ich hatte Mühe und Not meine alte Körperform zurückzuerlangen. Dreimal die Woche Sport, Umstellung der Ernährung und mindestens zwei Jahre, haben mir geholfen wieder abzunehmen, ohne mich zu verlieren.

Ich pendelte mich bei 54 kg ein und fühlte mich rund um wohl. Dieses Gewicht hielt ich die nächsten sieben Jahre ohne besonderes Zutun, ohne Sport und gesundem Essen. Mein Körper war einfach wieder hergestellt.

Dann wurde ich schwanger, nahm nur wenige Kilo zu und bin direkt nach der Geburt wieder gertenschlank nach Hause gefahren.
Stillzeit. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als Jungmutter vergisst du dich oft selbst und das Baby holt sich alles was es braucht. Plötzlich wiegst du nur 49kg und dein Mann findet deine Beine schlimm, weil es nur noch Haut und Knochen sind.
Früher hast du dich gefreut, deine Kleidung zu tragen, plötzlich sitzt nichts mehr, alles hängt wie ein Sack an dir, selbst Gr. 34. Vom Busen ganz zu schweigen.

Mein Ziel: Zunehmen. Mein Mann drohte mir schon mit Nahrungsergänzungsmitteln, die schon dafür sorgen würden, aber irgendwie hab ich es dann geschafft und freue mich über jedes Gramm.

Ich möchte nicht als magersüchtig gelten, was mir schon mehrfach im Leben nachgesagt wurden.

Schlank oder dünn sein hat nämlich durchaus seine Nachteile. Von manchen Beschimpfungen abgesehen. Aber diese ständige Kraftlosigkeit, die Müdigkeit oder der schnelle Umschwung auf Unterzuckerung, wenn du plötzlich Hunger hast. Schwindel und Übelkeit inklusive, ja gar Reizbarkeit.

Dabei esse ich. Ich esse fast ständig und das noch nicht mal unbedingt gesund. Natürlich beneiden mich die Menschen darum, dass ich mir einen halben Kuchen oder einen Berg von Schokolade reinzwängen kann ohne, dass ich zunehme, aber mal ehrlich: ist das zielführend?

Ich bin kein Maßstab! War ich noch nie, will ich nicht sein. Nehmt mich nicht als Vorbild.

Ich liebe mich so wie ich bin, möchte in meiner Komfortzone bleiben, aber beneide gleichermaßen jede Frau mit ordentlichen weiblichen wohlgeformten Rundungen, die äußerlich vor Energie und Kraft sprühen.

Mag sein, dass ich eine lebende Kleiderstange bin. Mag sein, dass viele Kleidungsstücke an mir gut aussehen. Aber das geht bei jeden anderen auch. Das hat nichts mit der Körperfülle zu tun, sondern mit einem Gespür für Mode und ein bisschen Selbstliebe.

Wenn ihr mich also verehren wollt, dann nicht für meine optischen „Vorzüge“ sondern für meinen Intellekt, für die Dinge, die ich schreibe, weil ich euch zum Nachdenken anrege.

Euer Herbstmeedchen


Jetzt auch zum Hören: der Herbstmeedchen – Podcast

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