Norm & Individualität

No MOBBING anymore! – Meine Geschichte

Hänselein, Mobbing, Cybermobbing, Bossing, Bodyshaming, Diskriminierung – eine schier endlose Liste von Titeln für Gewalttaten an anderen Menschen, ob körperlicher oder psychischer Natur.

Mein Martyrium begann bereits in meiner frühsten Kindheit. Ich war schon immer das schwächste Glied. Ich wurde gehauen oder ausgeschlossen. Im Kindergarten hieß es: „Meine Puppe, meine Freundin etc.“, nichts was ich als tatsächliches Mobben auslegen würde, da ein Kind in diesem Alter noch gar nicht begreifen kann, was es tut. Es waren eher die ersten Eifersuchtsdramen.

Der wirkliche Beginn war in meiner Grundschulzeit. Es zeichnete sich ab, dass ich eine lange Zeit „Opfer“ sein würde. Ich war damals schmächtig, still, schüchtern, zurückhaltend und war nicht auf den Kopf gefallen. Und das war auch schon immer das Problem. Ich war ein gefundenes Fressen, vor allem für die Kinder, die vielleicht aus sozial schwächeren Familien stammten, mit einem niedrigeren Bildungsgrad, aber mir körperlich deutlich überlegen waren.
Es fing schon damit an, dass ich Angst hatte durch meine Nachbarschaft zu gehen, weil ein Nachbarsjunge immer meinte, mir den Weg abzuschneiden.
Zu Grundschulzeiten gab es in meiner Jugend Freundschaftsbücher, in denen man auch seinen Berufswunsch angeben konnte. Bei meinem Wunsch „Model“ wurde ich nur mehrfach ausgelacht und damit aufgezogen. Ein Model würde ich ja eh niemals sein, wer so aussähe  wie ich.

Die Hochform des Mobbens erreichte mich jedoch mit dem wechsel auf die weiterführende Schule.
Ich wurde beschimpft: Spargeltarzan, Weichei, Flachland, Streber. Wobei Streber mir nie wirklich zugesetzt hat.

Weichei und Flachland hingegen, haben mich viele Jahre verfolgt und verletzt.

Selbst als ich Jahre später (und nicht mehr mit betreffenden Leuten zur Schule ging) auf der Kirmes war, rief eine Gruppe Mädchen mir auslachend zu: „Da ist ja das Weichei.“

Doch auch körperlich kamen meine Gegner mir zu nahe. Ich wurde auf dem Nachhauseweg angehalten, der Tornister weggenommen, beklaut. Ich wurde in der Klasse angerotzt. Und es gibt keine schlimmere Scham, als den ganzen Tag mit diesem befleckten Pulli rumlaufen zu müssen. Ich wurde rumgeschubst, bis ich mir dabei eines Tages den Arm verstauchte.

Doch die schlimmsten Momente sind die in der Sportumkleide, wenn du dich aufgrund deiner „normalen“ Unterwäsche nicht traust umzuziehen oder weil du nicht aussiehst wie Dolly Buster. Alle schauen nur auf dich, das Gefühl der Scham ist überdeutlich.

Dennoch waren die häufigsten und auch schwersten Mobbingattacken meist seelisch.

Die Worte und die Missachtung waren es, die mich am meisten verletzten und mein ohnehin niedriges Selbstbewusstsein nur noch mehr schrumpfen ließen.

Ich war immer der Buh-Mann, egal was ich tat, was ich sagte oder wie ich aussah. Meine bloße Existenz war Grund genug, mich fertig zu machen. In den Pausen flüchtete ich mich deswegen oft in die Bibliotheken der Schule. Ein einsames Dasein. „Bücher sind oft die besten Freunde. Aber sie sollten nicht die einzigen in unserem Leben sein.“ (Zitat von Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach) Ich hatte nur wenige Freunde und auch diese waren zum Teil hinterhältig und lieferten mich aus. Und andere wollten mich mögen, konnten es aber nicht, aus Angst selbst Opfer zu werden. Wer sich mit mir abgab, begab sich in Gefahr.

Aber wenn es darum ging, bei mir abzuschreiben oder, dass ich niemanden verpetzen sollte, war ich plötzlich wieder der beste Freund. Anfangs habe ich das auch noch mitgemacht. Aber schnell gemerkt, das dies nur von kurzer Dauer war, also habe ich mich am Ende konsequent gegen das Abschreiben geweigert, was mir nur noch mehr Unmut entgegen brachte.

Ob ich was falsch gemacht habe? Nein. Die Schuld lag ganz sicher nicht bei mir, auch wenn ich es als Jugendliche oft dachte. Ich war einfach nur ein gefundenes Fressen, weil ich so war wie ich war und besonders, weil ich mich nicht gewehrt habe.

Ich weiß noch nicht einmal, ob meine Eltern was davon wussten oder andere Autoritätspersonen, denn ich war kein Petzer. Und selbst wenn, was hätten sie schon ausrichten können? Wäre es am Ende schlimmer geworden?  Ich hatte eine gute Kindheit, eine behütete Familie und trotz allem bin ich gerne zur Schule gegangen, so im Allgemeinen zumindest.

Aber es gab Zeiten, da war ich einfach allein.

Und ich kann froh sein, dass ich damals Jugendliche war, wo es noch keine Smartphones gab, die alles ins Netz stellen oder das Internet jedem zur Verfügung stand, um Cybermobbing zu betreiben.

In der achten Klasse etwa, hab ich das erste Mal den Mund aufgemacht, meine Stimme erhoben. Auf dem Nachhauseweg wurde ich zum xten-Mal von einigen Jungs aufgezogen. Unter Tränen habe ich sie dann angeschrien, warum sie das täten, was sie davon haben und was wohl ihre Eltern dazu sagen würden. Dass sie froh sein können, dass ich keine Petze bin etc. Das hat sie so sprachlos werden lassen, dass sie mir tatsächlich Respekt zollten. Einfach der Umstand, dass ich sie nie habe auffliegen lassen. Von da an haben sie mich in Ruhe gelassen und sich sogar für mich eingesetzt.

Im Laufe meines Lebens waren es tatsächlich mehr Mädchen als Jungs, die mich fertig gemacht haben. In der Grundschule gab es z.B. ein Mädchen, welches mich in der Pause immer verhauen wollte. Mit 12 bin ich diesem Mädchen nochmals begegnet und wir haben uns nach Entschuldigungen und Gesprächen recht gut verstanden.

Zweimal wurde es in meiner Mittelstufen-Schulzeit nochmal richtig schlimm. Ich schwärmte für den neuen Schüler in unserer Klasse und verheimlichte es. Meine sogenannten Freundinnen kitzelten es aber aus mir heraus und lieferten mich ans offene Messer. Sie stellten mich bloß, liefen zu ihm und erzählten ihm es. Ich wurde verlacht. Die Scham war riesig. Zum Glück hatte der Kerl Anstand genug, um dennoch freundlich zu mir zu sein. Das erleichtere mir, darüber hinweg zu kommen. Damals konnte ich gut Gedichte schreiben, also schrieb ich Liebesgedichte. Als das Thema in der Schule dran kam, hatte ich den Mut meines Vorzustellen. Und mitten im Unterricht zogen mich die Schüler damit auf, meinten es besser zu wissen, um wen es sich hierbei handelte. Ich konnte nichts anderes tun, als abzustreiten. Übrigens war es seit jeher schlimm für mich vorne an der Tafel frei zu sprechen. Meine Ausarbeitungen waren gut, die Inhalte auch, aber ich konnte es nie rüberbringen und handelte mir dadurch schlechtere Noten ein, als es geworden wäre. Schuld waren die Schüler, die lachten, Grimassen zogen oder mich bewarfen, wenn der Lehrer nicht guckte.

Noch heute kann ich nicht vor Menschen stehen und eine Rede halten.

Noch heute zittern mir immer noch die Knie, mein Herz rast und ich spreche viel zu schnell. Und doch tue ich es immer und immer wieder, um es mir selbst zu beweisen.

Die andere schlimme Situation ereignete sich mit 15. Ich hatte meinen ersten Freund. Dieser war 3 Jahre älter und ging in die Oberstufe der gleichen Schule. Es ist zwischen uns nie etwas gelaufen, aber er langweilte mich, ich machte Schluss und von jetzt auf gleich verbreiteten sich die übelsten Gerüchte. Vor allem intime Details zu meinem Körper machten die Runde. Und da versuchte ich einfach nur wegzuhören und nicht drauf einzugehen.

Irgendwann denkt man sich ja, dass die Zeit des Mobbens mal vorbei geht. Doch auch ein Umzug in ein anderes Bundesland und ein anderes Alter (Einstieg Berufsleben) hielten die Menschen nicht davon ab, mich kategorisch niederzumachen. Ich ging zu der Zeit auf ein Berufsschulinternat. Und gleich am Anfang, kam die halbe Klasse nicht mit mir klar, wegen meiner Art. Inzwischen war ich nicht mehr ganz so schüchtern und hatte meine eigene Meinung. Die Attacken gegen mich gingen dann so weit, dass ich eines Abends den ersten Ausraster meines Lebens bekommen habe. Ich schrie einfach alles zusammen, war außer mir, spuckte um mich wie eine Furie, weinte, lies niemanden an mich ran. All der Hass, die aufgestaute Wut der vergangenen Schuljahre entluden sich in diesen einen Moment. Ich war völlig neben mir. Ich saß eine gefühlte Ewigkeit gekauert in einer Ecke und ließ niemanden an mich ran.

Die Leute begegneten mir gleichermaßen mit Abscheu, Angst und Erstauen.

Ich hatte schließlich den ganzen Flur aufgescheucht. Die Hausmutter wurde geholt und am Ende konnte mich eine, mir heute noch wohlgesonnene Klassenkameradin, aus der Starre holen. Seit diesem Tag hatte ich oft ein Einzelzimmer (es gab nur 2 im ganzen Internat), weil niemand mit mir zusammen sein wollte und ich nicht konnte.

Diese Art von Zornesausbruch hatte ich danach noch 2 Mal im Kreise meiner Verwandschaft. Bis heute habe ich es zum Glück im Griff, denn ein solcher Ausbruch macht meine Seele immer ein Stück kaputt. Es ist ja okay sich mal zur Wehr zu setzen, aber nicht so. Jedoch geht es mir auch heute noch so, dass ich einen Raum betrete und die Hälfte der Leute ist mir nicht wohlgesonnen. Ich spüre die Blicke, höre das Tuscheln. Doch anstatt klein beizugeben, behaupte ich mich, stelle mich dar, spiele Theater, baue eine Mauer um mich herum.

In unserer Nachbarschaft gibt es einen Hund, der ohne jede Vorwarnung jeden Hund attackiert, in dem er bellend auf ihn zurennt, kurz vorher abbremst und umkehrt. Sein Frauchen erzählte mir, dass der Hund sehr ängstlich ist und bevor er als erstes verbellt wird, geht er gleich in die aggressive Haltung.

Ich bin so wie dieser Hund, wenn ich in eine neue Gruppe komme. Gebe mich laut und selbstbewusst. Innerlich bin ich aber immer noch das kleine schüchterne 13jährige Mädchen, was jederzeit fertig gemacht werden könnte.

Mit dieser Haltung ecke ich jedoch an. Weil ich heute auch oft sage, was ich denke, weil ich endlich eine Stimme habe, kommt es nicht immer gut an. Meine Freunde wissen mich zu nehmen, andere nicht. Damit mache ich mir mein Leben schwer, aber ich kenne die Grauzone nicht, nur das Schwarz oder das Weiss.

Eine aktuelle Situation ist die neue Krabbelgruppe meiner Tochter. Ich fühle mich dort einfach nicht wohl, stehe als Außenseiter alleine da, wo alle anderen Gruppen bilden. Für mein Kind, das sich in dem Kurs jedoch wohlfühlt, reiße ich mich zusammen.

Meine Tochter soll es eines Tages nicht so schwer haben wie ich. Deswegen bringe ich ihr auch heute schon bei, NEIN zu sagen.

Akzeptiere wenn möglich ihre Neins und versuche auch im Umgang mit anderen, denen ihr Verhalten klar zu machen.  Sie soll weder später ein Opfer sein, noch ein Gegner.

Dieses Gefühl nicht zu genügen, nicht wertvoll zu sein, nicht akzeptiert zu werden, ist immer noch in meinem Unterbewusstsein und kommt in wenigen Situationen an die Oberfläche. An jenen Tagen bin ich schwach. Dabei ging es mir auch früher nie um Akzeptanz oder Beliebtheit, nein, ich wollte lediglich in Ruhe gelassen werden, toleriert werden. Einfach mein Leben leben. Denn auch wenn du im Sport als Letzter gewählt wirst, wirst du quasi ins Abseits gestellt. Mir hätte gereicht, als Vorletzte gewählt zu werden.

Jemand, der niemals in einer solchen Situation war, von anderen „gehasst“ zu werden, wird meine Geschichte nicht verstehen. Mein Mann z.B. ist das komplette Gegenteil von mir. Er war immer angesehen, beliebt, aber nicht der Obermacker, eher der Klassenclown. Er hatte es schulisch und freundestechnisch nicht schwer. Wären wir uns damals begegnet, hätte er mich übersehen und ich ihn angehimmelt. Mein Mann kennt meine Geschichten, kann es aber nicht nachvollziehen.

Doch ich kenne auch die andere Seite, die Seite des Gegners. In meiner Oberstufenzeit habe ich die schlimmsten Peiniger hinter mir gelassen und fühlte mich trotz einiger skeptischer Blicke etwas besser. Um beliebt zu werden, tat ich mich mit anderen zusammen und zog über ein neues Mädchen in der Klasse her. Ich fühlte mich schlecht deswegen, vor allem, als ich sie besser kennen lernte. Heute gehört sie nach wie vor zu meinen liebsten Freundinnen.

Nie wieder möchte ich auf der Seite der Hasser stehen! Ich möchte aber auch kein Opfer mehr sein. Ich möchte lieber Mut und mich für andere Stark machen.

Ich meine, jeder von uns wird sicherlich mal lästern. Und bis zu einem gewissen Grad ist es auch vertretbar. Damit meine ich so Sachen wie: wir sitzen im Café und ziehen über das Aussehen von fremden Fußgängern her. Das tut niemanden weh und ist lustig. Und selbst wenn ich von jener Person unabhängig des Gesprächs angesprochen werden würde und zB. nach der Uhrzeit gefragt werde, kann ich trotzdem höflich und freundlich sein, denn das eine hat mit dem anderen nix zu tun.  Erst wenn ich es offen zeige und die Person bekommt es mit oder es handelt sich um eine Person die ich kenne, mir gar vertraut, ich also hinterrücks über sie herziehe und vorne rum nett bin, dann ist es gar nicht mehr in Ordnung. Dann ist es eine Attacke gegen die Person.


Dies war eine lange Geschichte, die ich mir von der Seele reden musste, um Gleichgesinnten zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Um Hater an ihr gutes Herz zu appellieren. Und um denjenigen zu danken, die sich täglich für „Opfer“ einsetzen.

Was ist deine Geschichte?


Jetzt auch zum Hören: der Herbstmeedchen – Podcast

2 Kommentare

  • Elisa

    Hallo Liebes,

    erstmal Hut ab für deinen Mut und deine offenen Worte. Ich kann mich in deine Worte zu 100% wieder finden. Ich hatte in meiner Schulzeit auch einen langen Leidensweg geprägt von Mobbing und Gewalt. Ich wurde immer aufgrund meines Übergewichts gemobbt und gehänselt. Auch ich wurde zb. in der Pause aus dem Schulhof ausgegrenzt, ignoriert, es wurde getuschelt, gelacht. Mir wurde sogar des Öfteren mein Essen weg genommen. Im Sportunterricht wurde ich wie du, immer als letzte gewählt denn durch mich als „ fette „ die sich nicht bewegen kann, nicht schnell rennen kann hätte die Gruppe ja verloren. Ich erinnere mich noch daran als ich einmal während des Schultages auf dem Hof von einem Jungen zwischen die Beine getreten wurde. Das tat höllisch weh und ich habe als meine Mama mich abholte nur noch geweint. Ich war wie du auch immer ein schüchternes, zurück gezogenes Mädchen ohne eigene Meinung die nicht ihren Mund aufmachen konnte. Die höchste Stufe der Heuchlerei erfuhr ich als 2000 meine Mutter starb. Bevor das passierte waren ja alle so böse zu mir und als sie erfuhren das meine Mutter starb kamen sie alle mitleidig angekrochen und zeigten plötzlich die freundliche, mitfühlende, verständnisvolle Seite. Aber ich war schon so geprägt von all den Ereignissen, dass ich das gar nicht ernstnehmen konnte. Naja die Jahre vergingen und erst in den letzten 2 Schuljahren wurde es mit dem Mobbing und den hänseleien weniger. Ich wurde älter, wuchs an Erfahrungen und bekam mehr Selbstbewusstsein. Heute sag ich was ich denke, lasse mich nicht unterbuttern und stehe zu dem was ich bin und wer ich bin. Und genau diese Message möchte ich auf meinem Blog und in meinem Alltag weiter geben. Egal ob dünn, normal oder dick. Egal ob Mann oder Frau. Wir sind alle auf unsere eigene Art und Weise etwas besonderes und man sollte sich einfach gegenseitig akzeptieren wie man ist. Denn nur so kommt man auch langfristig miteinander zurecht.

    • Herbstmeedchen

      Liebe Elisa,
      vielen Dank für dein offenes Ohr und deinen Mut, deine Geschichte mir hier aufzuschreiben. Du gehörst zu den Menschen, die aus der negativen Erfahrung, etwas positives und großartiges leisten können.
      Deswegen hoffe ich, dass du uns eines Tages mit einem eigenen Blog bereichern wirst.

      Liebe Grüße
      Dein Herbstmeedchen Sarah

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